Fantasy.Rollenspiel
Startseite
Gästebuch
Kontakt
Über...
Charakterbögen Arkanum
Vorgeschichte
Das Arkanum #1
Das Arkanum #2
Das Arkanum #3
Das Arkanum #4
Das Arkanum #5
Das Arkanum #6
Das Arkanum #7
Das Arkanum #8
Das Arkanum #9

Das Arkanum #6

Als wir das Schloss verließen schlug uns eine schwüle Nachtluft entgegen. Der Boden war noch aufgeweicht von den Regengüssen des Vortages, doch aufgrund der Temperatur war mir zu warm und ich verstaute meinen Umhang wieder in meiner Tasche.
„Wo liegt Verdun?“, fragte ich Lestat, als wir noch keine hundert Meter gegangen waren. Er schien bemüht die schlammigen Pfützen, vor denen es auf dem grasbewachsenen Feld nur so wimmelte, zu umgehen. Das stellte sich jedoch als schwierig heraus und ich machte seine Anstrengungen auch sogleich sinnlos, indem ich großzügig in jede Schlammpfütze trampelte und damit sowohl seine, wie auch meine Sachen vollspritzte. Lestat warf mir einen angewiderten Seitenblick zu.
„Also?“
Lestat runzelte die Stirn. „Sagte ich doch bereits. Im Westen. Es liegt noch ein Stück hinter Deveny.“ Sein Gesichtsausdruck sagte mir unmissverständlich: Wenn du mir auch nur einmal zuhören würdest, wüsstest du das bereits.
„Kann ich ja nicht riechen“, bemerkte ich und trabte ein Stück vor. Vor uns erstreckte sich wieder derselbe Wald wie der von gestern. „Nehmen wir wieder den Weg hierdurch?“, rief ich über die Schulter zu Lestat blickend.
„Siehst du etwa noch einen anderen?“
Ich zuckte mit den Schultern und verschwand im Dickicht der hochgewachsenen Bäume. Es war noch nicht stockfinster und so konnten sich meine Augen nach ein paar Sekunden an die gegebenen Lichtverhältnisse gewöhnen, sodass ich wenigstens einigermaßen gut sehen konnte.
Lestat hatte den Waldsaum mittlerweile auch erreicht und rief mir völlig entnervt hinterher: „Du läufst falsch. Wir müssen hier lang.“ Lestat deutete nach Norden.
Der Typ wusste aber auch nicht, was er wollte. „Du sagtest Westen, also bin ich nach Westen gegangen. Soweit ich mich auf mein Gedächtnis verlassen kann, sind wir –“
„Verlass dich lieber auf mich als auf dein… Gedächtnis.“
Mir gefiel der Ton ganz und gar nicht, in dem Lestat das letzte Wort aussprach, doch es war grad nicht der richtige Zeitpunkt um sich darüber aufzuregen.
„Da ist Norden –“, begann ich, doch Lestat unterbrach mich wieder: „Ja, und da“, er deutete mit der Hand in die Richtung, in die ich zuerst laufen wollte, „ist ein Moor.
Ich halte es für die bessere Idee, wenn wir es umgingen, aber meinetwegen kannst du ja da lang laufen, insofern du die Kompetenz meiner Ortkenntnisse anzweifelst.
Ich ziehe deine Leiche dann morgen aus dem Sumpf, wenn mir danach ist. Wäre schade drum.“
Lestat setzte sich wieder in Bewegung in Richtung Norden.
Ich kämpfte mit meinem Inneren, ob ich beleidigt hier stehen bleiben, oder hinterhergehen sollte. Schließlich siegte die Vernunft und ich holte Lestat mit ein paar Sätzen wieder ein. Mit zerknirschter Miene und den Blick auf den Boden gerichtet, ging ich neben dem Vampir her, der offensichtlich ganz angetan von der Natur war.
Nach einer Weile merkte Lestat an: „Jetzt können wir gen Westen gehen.“ Er betonte das ‚jetzt’ ganz beabsichtigt, wie ich feststellte.
Ich biss mir auf die Lippen. Normalerweise rastete ich ziemlich schnell aus, wenn mich jemand für dumm verkaufte oder vor allem meine Fähigkeiten wie mein Zeitgefühl oder den Orientierungssinn infrage stellte. Jetzt allerdings zwang ich mich ruhig zu bleiben, auch wenn ich spürte, dass mein Blut gefährlich brodelte.
Wir gingen noch weiter und die Wut verkochte langsam. Der Wald wurde lichter und schließlich verließen wir ihn.
„Wenn wir dort lang gehen“, Lestat deutete leicht nach Nordwesten, „kommen wir nach Deveny. Ich kann die Lichter schon aus der Ferne erkennen.
Heute werden wir uns ein Stück weiter westlich halten müssen. Es ist nicht mehr allzu weit.“
Um was für einen Ort es sich bei Verdun wohl handelte?

.Morgan.

 



Wir mussten nochmals in den Wald hinein. Dieser war wieder etwas dichter, als der andere. Dennoch kamen wir relativ gut zurecht - sogar Morgan. Aber er musste natürlich wieder meckern. "Wann sind wir endlich aus diesen dummen Wäldern raus?"
"Bald", antwortete ich und ging weiter.
"Und wann ist bald?", fragte Morgan nach ca. 2 Minuten schon wieder. Ich warf ihm einen angenervten Blick zu. "Wir haben's gleich geschafft." Allerdings musste auch ich zugeben, dass ich wirklich keine Lust mehr auf das laufen hatte. Und ich hoffte, dass uns der Weg den wir noch gehen mussten um das Geheimnis zu lüften, nicht noch weiter weg führen würde. Als Morgan fragte: "Wie weit ist es denn noch?", war ich so angenervt das ich ihn bloß böse ansah. Mein Fehler, denn dadurch sah ich nicht wo ich hinlief und latschte geradewegs in eine matschige Pfütze. "Verdammt!", rief ich verärgert und schüttelte den Dreck von meinen Stiefeln. Nur weil er dauernd irgendwelche blöden Fragen stellen muss! Wie ein kleines Kind!
"Du wirst sicher noch öfters dreckig werden", sagte Morgan und ging weiter. Ich funkelte ihn wütend an, sagte jedoch nichts mehr. Wahrscheinlich hatte er recht.
Den Rest des Weges, gingen wir schweigend nebeneinander her.
Dann waren wir endlich in einem weiteren kleinen Dorf angekommen. Es war zwar ebenso klein wie Deveny, jedoch war hier deutlich mehr los. Wir sahen viele Menschen auf den Straßen umher gehen. Sogar noch um diese Uhrzeit... Ich staunte nicht schlecht. Dann verspürte ich wieder diesen Hunger und suchte auch sofort nach einem Opfer...
"Entschuldige mich kurz", sagte ich leise zu Morgan und ging auf einen jungen Mann zu, der sich an einen Baum gelehnt hatte und aussah, als würde er jeden Augenblick einschlafen. Der kam mir gerade recht. Ich packte ihn blitzschnell, zog ihn hinter den Baum und trank sein Blut... So machte ich es immer, wenn es schnell gehen sollte. Dann konnten die Menschen nicht reagieren oder gar um Hilfe rufen, da das ganze einfach zu schnell für sie ging. Nachdem ich fertig war, packte ich ihn am Genick und schleuderte ihn ins Gebüsch.
Morgan stand wie angewurzelt da und sah mich geschockt an. Ich wusste genau, was nun dachte. Wie kann er nur...?! 
"Gewöhn dich dran", murmelte ich, wischte mir das Blut von meinem Mund und sah Morgan erwartungsvoll an. Ich las seine Gedanken: 'Ich soll mich daran gewöhnen? - Sonst noch was?!' Wahrscheinlich hatte er schon wieder vergessen, dass ich seine Gedanken lesen konnte, daher wandte ich mich wieder von ihm ab und grinste. Er wird sich schon noch daran gewöhnen...
"Also gut, da sind wir. Und wie geht's jetzt weiter?", fragte ich und ließ meinen Blick durch das Dorf schweifen.
Als ich Morgan ansah, bemerkte ich, dass er ebenso ratlos da stand, wie ich. "Ich hab keine Ahnung", murmelte er und ging weiter ins Dorf hinein. Ich ging ihm hinterher und beobachtete jeden einzelnen von den Menschen. Wir gingen durch das ganze Dorf, auf und ab, hin und her - doch nichts geschah. Schließlich waren wir an einer Art Gaststätte angekommen und Morgan schlug vor, dass wir uns dort einen Moment hinsetzen und was trinken. "Von mir aus", sagte ich und betrat die Gaststätte. Auch hier war nichts ungewöhnliches vorzufinden. Noch nicht einmal irgendein Typ, der uns seltsam ansah oder sonst was. Wir setzten uns also an den Tresen und Morgan bestellte sich ein Wasser.
"Nanu, dieses mal kein Weizen?", fragte ich grinsend.
Er schüttelte angewidert den Kopf. "Nein, das Zeug schmeckt ja wie reingepisst."
Ich konnte mir ein lachen nicht verkneifen und sagte: "Das hätte ich dir auch vorher sagen können." Morgan zuckte bloß die Schultern, bezahlte sein Wasser und trank ein paar Schlucke. Dann hielt er es mir unter die Nase und fragte: "Auch was? Das schmeckt viel besser!"
"Nein danke", sagte ich und sah mich um. Noch immer passierte nichts, aber auch gar nichts.
Als wir eine Viertelstunde später wieder vor der Gaststätte standen, fühlte ich mich reichlich verarscht.
"Das gibts doch wohl nicht. Jetzt laufen wir bestimmt schon seit einer Stunde hier rum und trotzdem ist noch nichts passiert. Die wollte uns wohl auf den Arm nehmen?", fragte ich verärgert. Bei solchen Sachen verlor ich sehr schnell meine Geduld. Morgan schüttelte bloß den Kopf. "Irgendwas passiert garantiert noch, da bin ich mir ganz sicher."
Also warteten wir weiter ab.

.Lestat.

 



Nach einer Weile meinte ich: „Ziemlich lächerlich, wie wir hier herumstehen und darauf gespannt sind, dass irgendwas passiert. Was soll auch schon Großartiges geschehen? Von Abwarten wird die Situation mit Sicherheit auch nicht besser.“ Dann fügte ich noch hinzu: „Ich bezweifle, dass plötzlich eine Schriftrolle oder was weiß ich vom Himmel fällt, die die Lösung all unsrer Probleme ist.“
„Ach“, sagte Lestat nur. „Und was schlägst du vor?“
Woher will ich denn wissen, was wir tun sollen. Wer ist denn hier der hoch intellektuell gebildete Vampir? Du oder ich?
Ich wollte gerade etwas erwidern, da bemerkte ich, dass Lestats Gesicht feindselige Züge annahm. Ich vergaß, dass er doch meine Gedanken lesen konnte.
„Ist doch wahr“, murmelte ich statt zu Kontern.
Lestat zuckte mit den Schultern. „Ich bin genauso ratlos wie zu Anfang dieser Handlung.“ „Mir geht’s nicht anders.“ Ich blickte seufzend in den Himmel. „Das ist Wahnsinn, was wir hier machen. Was machen wir hier überhaupt? Ich mein, das ist doch verrückt. Ich stehe dreitausend Meilen von meiner Heimat entfernt in einem bescheuerten, kleinen Kaff namens Verdun, mit zwei Goldmünzen und einem idiotischen Schreiben in meiner Tasche und zu allem Unglück auch noch neben einem arroganten Vaaa-“
Lestat rammte mir unsanft seinen Ellbogen in die Seite und zischte: „Schrei es am besten noch lauter herum, damit es ganz Verdun mitbekommt.“ Er strafte mich mit einem Wenn-Blicke-töten-könnten-Blick.
Ein paar Leute, die zu dieser nächtlichen Stunde noch unterwegs gewesen waren, drehten sich zu uns um, gingen dann jedoch sofort wieder weiter.
„Reiß dich gefälligst zusammen“, sagte Lestat. „Du hast Recht. Vom Herumstehen kommen wir nicht weiter. Wir müssen uns überlegen was zu tun ist.“
Wow, der ist ja ’n ganz Schlauer…
„Du weißt genauso gut wie ich, wie bescheuert das ist. Ich werde jetzt –“
„Du wirst jetzt mit mir überlegen, was das Ganze zu bedeuten hat und wie wir weiter vorgehen werden, ganz richtig.“
Mein Blick sagte Lestat: Das glaubst aber auch nur du. Ich verlor wirklich langsam die Geduld und vor allem auch meine Nerven. Und vor allem hasste ich es, dass wir bei diesem ‚Abenteuer’ überhaupt nicht weiterkamen. Wir tappten von einem Rätsel ins Nächste.
„Überleg doch mal, Morgan“, begann Lestat. „Was haben dir die ganzen Strapazen gebracht, wenn wir hier jetzt aufhören? Wir sind immerhin schon einen Schritt weiter und ich bin mir sicher, dass wir zumindest herausfinden können, wer hinter all dem hier steckt. Es lohnt sich nicht, hier aufzugeben.“
Ich sah es ein. Lestat hatte Recht. Abgesehen davon, wusste ich momentan sowieso nichts Besseres mit meinem Leben anzufangen. „In Ordnung.“ Ich nickte. „Also, diese Parlan – was immer sie jetzt auch war, ist ja eher nebensächlich – hat uns nur diesen Ort als Hinweis gegeben…“
„Ja“, bestätigte Lestat.
Ich überlegte. „So ein wirklich konkreter Hinweis war das jetzt ja nicht gerade.“ Ich runzelte die Stirn. Vielleicht… Nein, das konnte nicht sein. Eine geringe Chance bestünde trotzdem… Vielleicht sollte man es auf den Versuch ankommen lassen. Lestat zog eine Augenbraue hoch. „Was denkst du?“
„Ich dachte mir, dass vielleicht… Vielleicht ist gar nicht dieser Ort hier damit gemeint.“ Der Vampir sah mich verwirrt an.
„Also, ich meine… Nun, vielleicht gibt es ja noch irgendwas… anderes, das auch Verdun heißt, oder so?“
Lestat schien wenig begeistert von dieser Erwägung. „Glaub ich nicht.“
„Wir könnten mal fragen.“
„Hm…“
„Besser als Rumstehen, sagtest du selber. Oder hast du einen besseren Vorschlag?“

.Morgan.

 

„Na schön, ein Versuch ist es wert. Obwohl ich nun wirklich nicht glaube, dass Parlan nicht dieses Dorf hier meinte…“, sagte ich.
Morgan und ich gingen zuerst in die Gaststätte. Dort trafen wir auf viele betrunkene. Hier war es fast noch schlimmer, als bei uns im Dorf. Wahrscheinlich weil viel mehr los war hier. Es gab in der Gaststätte sogar eine kleine Bühne, von der Musik gespielt wurde. Die Leute spielten Karten, tranken und unterhielten sich. Alles war viel lebhafter, als bei uns.
Wir gingen nach vorne zur Theke. „Was soll’s denn sein meine Herren?“, fragte der Barkeeper und hielt schon zwei riesige Humpen bereit.
„Nichts, danke“, sagte Morgan.
„Warum seid ihr dann hier, wenn ihr nichts trinken wollt?“, zischte der Barkeeper und sah uns erwartungsvoll an. Ich las seine Gedanken: ‚Wenn die jetzt nichts bestellen können die gleich wieder gehen! Ich glaub’ die haben sie nicht mehr alle!’
„Wir wollen nichts trinken, sondern uns nur umsehen und ein paar Leute etwas fragen. Was ist daran so schwer zu kapieren?“, fragte ich und funkelte ihn böse an.
Daraufhin wurde er sehr klein und murmelte nur ein: „Nichts, gar nichts.“ „Gut“, sagte ich zufrieden und wandte mich Morgan zu. „Also, mal sehen wen wir hier fragen könnten.“ Doch als ich mich umsah, sah ich nicht viele wo ich auf Anhieb dachte: ‚Den/die frag ich mal.’ Denn so ziemlich alle waren extrem betrunken und tanzten auf den Tischen.
„Ähm…“, murmelte ich und sah Morgan hilflos an. Er schaute ebenso blöd aus der Wäsche.
„Hm…“, murmelte er nachdenklich. Dann ging er auf eine junge Frau zu, die auch schon sichtlich gut dabei war. Ich ging ihm hinterher. Versuchen kann man’s ja mal.
„Guten Abend“, sagte ich und verbeugte mich leicht. Ich lächelte sie charmant an.
„Oh, guten Abend schöner Mann“, lallte sie, tänzelte ein wenig auf der Stelle herum und verbeugte sich ebenfalls kurz. Dabei musste sie aufpassen, dass sie nicht vorne über fiel. Dann legte sie übermütig den Arm um mich und lallte: „Was ist los mit dir? Du bist ja so blass, mein Freund.“
Ich sah Morgan an, als wolle ich sagen: ‚Jetzt tu doch was!’ Zum Glück reagierte er auch, zog die Frau von mir weg und fragte: „Weißt du zufällig, ob es noch ein anderes Dorf, eine Stadt oder sonst was gibt, die den Namen ‚Verdun’ trägt?“
Die junge Frau überlegte kurz, schüttelte dann den Kopf und drehte uns den Rücken zu.
„Na Super“, sagte ich genervt und ging auf die Tür zu. „Ich denke mal, hier können wir es vergessen, irgendjemanden zu fragen.“ Morgan nickte zustimmend und wir verließen die Gaststätte. Langsam war ich wirklich verdammt gereizt und meine Geduld war am Ende. Doch ich sagte mir selbst immer wieder: Reiß dich zusammen Lestat!
Denn aufgeben würde jetzt wirklich nichts bringen, dass war mir natürlich ganz klar.
„Also weiter. Wo könnten wir noch fragen gehen?“, fragte ich Morgan. Er zuckte die Schultern und schaute im Dorf herum.
„Komm wir gehen noch ein Stückchen weiter. Vielleicht begegnen wir ja jemandem, der uns weiterhelfen könnte.“ Ich stimmte ihm zu und wir gingen los. Plötzlich waren wirklich erstaunlich wenige Leute auf den Straßen. Als wir gekommen waren, war deutlich mehr los. Seltsam…
Ich beschloss, mir darüber nicht weiter Gedanken zu machen und schlenderte mit Morgan durch die Straßen. 

.Lestat.

 

 



„Weißt du was“, begann ich. Heute sind deine Fragen aber wieder besonders intelligent, Morgan, sagte ich mir selbst. „Nein, also, ich glaube, dass wir größere Erfolgschancen hätten, wenn wir bei Tage jemanden fragten. Das könnten wir ja auch in… wie hieß es noch gleich?“
„Was?“
„Äh, das Dorf bei euch…“
Lestats setzte einen genervten Gesichtsausdruck auf. „Lareon.“
„Ja, genau. Also das können wir dann ja auch in Lanero-“
„Lareon“, murmelte Lestat.
„Bitte?“
„Vergiss es.“
Schon geschehen. „In Laneron machen“, endete ich so, als wäre ich nicht unterbrochen worden.
Lestat überlegte. „Womöglich könntest du Recht haben.“ Sein Blick fügte still hinzu: Ausnahmsweise.
Er blickte in den Himmel. „Wir haben aber noch ein wenig Zeit, bis wir uns unbedingt auf den Weg machen müssen.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ja, dann laber’ ich jetzt irgendjemanden von der Seite an. Alles klar?“
„Mach was du willst.“
Ich wunderte mich ein bisschen darüber, dass Lestat nichts gegen diesen idiotischen Vorschlag, der keinen Erfolg versprach, einwandte. Der Grund sollte sich mir schon einen Augenblick später offenbaren.
Lestat fügte hinzu: „In der Zwischenzeit lern ich hier auch noch mal jemanden etwas näher kennen.“ Sein Blick war gebannt auf eine Stelle hinter mir gerichtet. „Ich weiß auch schon wen.“
„Das ist doch krank“, zischte ich. Wie kann man einfach irgendwelche Menschen töten und deren Blut saugen?
Wird nicht eigentlich jeder, der von einem Vampir gebissen wurde auch zum Vampir?
Ich glaubte, da mal so was von gehört zu haben. Aber da ich mich nie sonderlich für solche ‚Spinnereien’ von Verrückten begeistern konnte, wusste ich nicht viel über den Mythos Vampir.
„Wir treffen uns gleich wieder hier“, ordnete Lestat an und ging mit demselben gebannten Blick an mir vorbei.
Wann ist gleich?
Ich lief zunächst ein Stück die Straße entlang. Dann trabte ich zurück zu der Gaststätte. Wirte waren noch nie unbestechlich gewesen.
Die Taverne hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon zum Großteil geleert. Hinten in der Ecke saßen immer noch fünf Leute um einen Tisch und spielten Karten. Sie fingen gerade eine lautstarke Diskussion darüber an, ob einer von ihnen geschummelt hatte.
Rechts von ihnen saß auf dem Boden in sich zusammengesunken ein Mann mittleren Alters. Das lange, fettige Haar undefinierbarer Farbe hing ihm ins Gesicht. Er hatte offensichtlich mehr als einen über den Durst getrunken.
Ansonsten saß an der Bar noch ein Kerl, der gedankenverloren ein Glas, dessen Inhalt ich nur erahnen konnte, austrank. Zwei Leute standen am Fenster und rauchten Pfeife.
Abgesehen von diesen waren nur noch der Wirt und seine Frau, wie ich vermutete, anwesend. Letztere hatte schon Wassereimer und Lappen geholt und begann damit die Spuren des Chaos’, das kurz zuvor noch hier gewaltet hatte, zu beseitigen.
Ich ging zur Bar und setzte mich auf einen Hocker direkt gegenüber des Wirts. Der Platz war ein paar Sitze von dem anderen Kerl entfernt.
„Hör mal“, sagte ich und warf dem Wirt einen auffordernden Blick zu. Seine Aufmerksamkeit war erhascht und er lehnte sich zu mir herüber.
„Du bist doch ein Mann, mit dem sich reden lässt“, begann ich, und sofort gebot er mir mit einer Geste leiser zu sprechen.
„Was willst du?“, fragte er misstrauisch.
Ich antwortete mit beschwichtigender Stimme: „Ich möchte nur mit dir reden, sonst nichts.“ „Für so was hab ich keine Zeit, ich-“
„Kommt dir das hier bekannt vor?“ Ich hatte den Verdun-Zettel aus der Tasche gezogen und hielt ihm diesen unter die Nase. Seine Reaktion ließ mich genugtuend grinsen. Offensichtlich musste das Wort mehr als der Name einer Ortschaft sein, denn sonst hätte der Mann nicht so seltsam reagiert, auch wenn er jetzt das schon wieder zu überspielen versuchte. Er sagte schnell: „Das ist der Name des Ortes hier.“ Eine Spur zu schnell.
Vielleicht hatte ich ja doch den richtigen Riecher gehabt.
„Du wirst mir bestimmt sagen, was du ansonsten darüber weißt, hab ich Recht?“ Ich sah ihm durchdringend in die Augen. „Ich hätte auch noch etwas, das dich dabei überzeugen könnte… Nichts gegen eine kleine Gegenleistung, nicht wahr?“ Das war bei Weitem nicht das erste Mal, dass ich eine solche Unterhaltung führte. Ich konnte mindestens genauso gut bestechen, wie ich bestechlich war.
Der Wirt wich einen Schritt zurück und sah sich im nächsten Moment unsicher um, ob jemand das mitbekommen hatte. Als er sich vergewisserte, dass es nicht so war, zischte er: „Mit so was will ich nichts zu tun haben.“ Der Tonfall sollte endgültig klingen, doch seine Stimme zitterte.
„Was willst du haben?“
Das Gesicht des Wirts wurde rot. „Nichts. Mit solchen Leuten habe ich nichts am Hut.“
„Zehn Silberstücke?“
„Ich sagte, dass ich-“
„Fünfzehn?“
„Ich-“
„Du gibst dich wirklich nicht mit besonders wenig zufrieden, mein Freund. Sagen wir… dreißig Silberstücke und hoffen, dass das, was du mir sagen kannst, diese dreißig Stücke auch wert ist.“
Wieder sah der Wirt sich ertappt um. Der Mann der bis vorhin ebenfalls noch an der Bar gesessen hat, war aufgestanden und hat ein paar Geldstücke auf dem Tresen als Bezahlung hinterlassen. Er verließ gerade die Gaststätte.
„Also, was ist jetzt?“
Der Wirt schien tatsächlich mit sich ringen zu müssen, ob er denn nun auf mein Angebot eingeht.
„Ich möchte nur wissen, was du sonst noch darüber weißt, sonst nichts… Was ist schon gegen ein wenig leicht verdiente Münzen einzuwenden?“ Meine Stimme hatte einen überzeugend beschwichtigenden Tonfall angenommen. Gleich hab ich ihn so weit… Ab einer bestimmten Summe ist jeder käuflich.
Aus den Augenwinkeln beobachtete der Wirt das Treiben in der Taverne. Dann raunte er mir zu: „In Ordnung… Um drei Uhr machen wir hier dicht. Warte dann im Hinterhof. Aber nicht ohne…“
„Eine Anzahlung?“, rief ich beinahe.
Der Mann zuckte zusammen, als hätte ihn jemand geschlagen. „Ssht, nicht so laut.“
„Eine Anzahlung?“, sagte ich noch mal und jetzt ein bisschen leiser.
Ich zählte fünfzehn Silberstücke von meinem Geld ab und knallte es auf den Tresen. Die anderen Tavernenbesucher sahen kurz auf und wendeten sich dann wieder ihrer Beschäftigung zu.
Der Wirt ließ das Geld schnell in seiner Hosentasche verschwinden. Das merk ich mir. Er reichte mir einen kleinen Schlüssel über die Theke. Es sollte scheinbar unauffällig geschehen, doch für ein aufmerksames Auge, war es mehr als offensichtlich. „Das ist der Schlüssel zum Hinterhof. Das Tor ist direkt hinter diesem Gebäude hier.“ Sein Blick war vielsagend. Ich verstand.
„Wir sehen uns – gleich“, sagte ich. Mit eindringlichem Ton fügte ich noch hinzu: „Mach keinen Mist.“
Dann verließ ich die Taverne mit schnellen Schritten.

Ich ging zurück zu der Stelle, an der ich mich vorhin von Lestat getrennt hatte. Er war noch nicht zurück vom Essen.
Ein Blick in den Himmel verriet mir, dass es höchstens noch zehn Minuten bis drei Uhr sein konnten. Einerseits müssten wir bald losgehen, wenn wir rechtzeitig zurück zum Schloss sein wollten, andererseits –
Ich lief zurück zur Gaststätte. Dann muss Lestat eben entweder auf mich warten oder alleine zum Schloss gehen.
Im Dunklen war das Tor zum Hinterhof zwar nicht einfach zu finden, aber es war auch kein Ding der Unmöglichkeit. Nach ein paar wenigen Minuten konnte ich den Schlüssel im Schloss umdrehen und trat ein.
Der Hinterhof war – soweit ich es erkennen konnte – nicht sonderlich groß. Ein paar Kisten mit alten Lieferungen standen herum. Ich setzte mich auf eine drauf. Der Trottel wird es hoffentlich nicht wagen, mich zu lange warten zu lassen.
Tatsächlich, als ich das Zeitgefühl von Punkt drei Uhr hatte, öffnete sich lautlos die Hintertür und der gut beleibte Wirt kam hervor.
Schemenhaft konnte ich erkennen, wie der Idiot sich wieder ängstlich nach Zuhörern oder Beobachtern umsah.
Ich stand auf. „Dann schieß los. Was sagte dir das?“
Der Wirt schluckte. „Verdun ist…“ Er betonte das ‚Verdun’ sehr merkwürdig, indem er das „u“ unbetont ließ. „Verdun ist…“ Er sah kurz auf den Boden und plötzlich schien er nicht mehr weitersprechen zu wollen.
„Ich habe nicht die ganze Nacht Zeit, also hau rein, Junge“, sagte ich. Frei nach dem Motto: Nur nicht zu respektvoll.
„Dass Verdun eine Burg ist, weißt du mit Sicherheit schon, und –“
„Moment, was sagst du? Eine Burg?“ Vielleicht war es das!
„Ja, aber das dürfte dir ja schon bekannt sein.“ Der Wirt fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut.
„Wo?“
„Eigentlich gehört sie noch hier zur Ortschaft. Aber sie ist unerreichbar, ist direkt in einem Moor gelegen...“
Womöglich das Moor, in das ich beinahe schnurstracks reinspaziert bin…
„Erzähl mir noch mehr darüber. Ich komme nicht aus dieser Gegend.“
„Sie sagen, dass dort Banditen hausen und krumme Geschäfte abwickeln… Doch niemand kennt einen sicheren Zugang zu diesem Moor.“ Er machte eine kurze Atempause. „Es ist nicht gut öffentlich von diesem Ort zu sprechen.“ Wieder eine Pause. „Es ist nicht gut sich für diesen Ort zu interessieren.“ Ach ja? Was soll das denn jetzt heißen.
„Und mehr weißt du nicht darüber?“
Der Wirt hob abwehrend die Hände: „Nein, wirklich nicht. Das ist alles was ich weiß.“
Schnell fügte er hinzu: „Also, eigentlich weiß ich ja nichts darüber.“
„Ja, ja…“
„Ehrlich! Man schnappt nur ab und zu was auf als Wirt.“
„Sicher… In Ordnung. Wenn du nicht mehr weißt, dann sind wir fertig miteinander.“
Der Mann schien erneut mit sich zu ringen. Ich grinste innerlich bereits. „Ich… Das… Das Silber –“
Ich war schon am Gehen und drehte mich um: „ Ach ja!“ Ich lief wieder zurück. „Gut, dass du mich dran erinnerst. Das hätte ich jetzt fast vergessen.“
Im nächsten Augenblick hatte der Wirt meine eine Faust im Magen. Mit der anderen hielt ich seinen Mund zu, um unnötigen Lärm zu vermeiden.
Von meinem Angriff überrascht, wehrte der Kerl sich im ersten Moment nicht, sodass ich ihn mit einem gezielten Schlag ins Gesicht vorerst ausschalten konnte. Dann kniete ich mich neben seinen zusammengesunkenen Körper und durchwühlte seine Taschen nach meinem Silber. Dabei sollte ich sogar noch Gewinn machen.
Bevor der Mann, dessen Gesicht jetzt eine unschöne Platzwunde zierte, wieder zu sich kam, hatte ich den Hinterhof verlassen und eilte jetzt zurück, um nachzusehen, ob Lestat noch auf mich gewartet hatte.

.Morgan.

 

 

Ich sah in den Himmel. Wir müssen bald los, wo bleibt Morgan?!
Zum Glück hatte ich meinen Durst gestillt und zwar mehr als genug. Dieses Dorf hier war ein wahres Paradies wenn es darum ging, andere Menschen auszusaugen. Einfach herrlich.
Noch einen Blick in den Himmel. Verdammt nochmal. Lange warte ich nicht mehr. Nach ein paar Sekunden hörte ich Schritte und gleich darauf sah ich Morgan herbei eilen.
"Na endlich! Wo hast du gesteckt?", fragte ich wütend und ging sofort los, in Richtung Schloss. Morgan lief hinter mir her und erzählte mir, was er die ganze Zeit gemacht hatte. Nachdem er fertig erzählt hatte blieb ich stehen und sah ihn mit großen Augen an.
"Du hast was?", fragte ich. Er nickte stolz. "Gut was?" Grinsend sah er mich an. Ich wusste nicht, ob ich das so toll fand, wie er. Mit schnellen Schritten gingen wir weiter.
"Eine Burg also...", murmelte ich nachdenklich und fügte nach kurzem überlegen hinzu: "Ich wusste nicht, dass es noch eine Burg in der Umgebung gibt. Und ich kann mir gut vorstellen, dass sie gegen unerwünschten Besuch geschützt ist."
Morgan nickte. "Das denke ich auch... Und wegen dem Moor; es liegt sicherlich hinter dem Moor, wo ich vorhin beinahe reinspaziert wär."
"Ja müsste eigentlich. Das ist das einzige Moor hier in der Gegend, von dem ich weiß", sagte ich.
"Sehr gut, dann wissen wir ja schonmal, was wir kommende Nacht machen."
Ich nickte und überlegte einen Augenblick lang. "Von mir aus, können wir versuchen dahin zu gehen. Mir kann keiner was anhaben, aber du kannst noch immer sterben, vergess' das nicht."
Morgan seufzte. "Schlimmer als zu einer solchen Kreatur zu werden, wie du es bist, geht's ja eigentlich nicht mehr."
Was erlaubt er sich?! Blitzschnell packte ich Morgan am Kragen und rief: "Du hast doch keine Ahnung! Es gibt noch viel, viel schlimmeres, als ein Vampir zu sein. Du hast wirklich nicht die leiseste Ahnung, von der dunklen Welt!"
Ich ließ ihn los und ging weiter. Wenn er mich noch einmal wütend macht, kann ich für nichts garantieren! Was erlaubt sich dieser Idiot?
Doch dann gerieten meine Gedanken ins Stocken. Eigentlich... - Nein Lestat, hör auf darüber nachzudenken! Ich schüttelte den Kopf und sah zu Morgan. Er lief stumm neben mir her. Ich versuchte zwar, ihn zu verdrängen, aber der Gedanke kam immer wieder. Der Gedanke, dass Morgan ja eigentlich recht hatte... Es gab wirklich fast nichts schlimmeres, als eine solche Kreatur zu sein, wie ich es war... Wie gerne wär ich doch tot. Alles würde ich auf mich nehmen, aber nicht dieses unendliche Leiden...
'Schluss jetzt! Hör auf in diese ständigen Depressionen zu fallen!', sagte ich mir selber.
Bald waren wir wieder am Schloss. Morgan hatte die ganze Zeit über nichts gesagt.
"Bist du dir ganz sicher, dass du das durchziehen willst?", fragte ich ihn und versuchte meine Stimme dabei ruhig klingen zu lassen.
"Ja. Ich bin mir sicher das es uns weiterbringt. Jedenfalls hoffe ich es", antwortete er und sah in den Himmel, als könnte dieser ihm die Antworten auf all' seine Fragen geben.
"Das hoffe ich auch, denn langsam geht meine Geduld zu Ende. Ich komme mir vor, wie bei einem albernen Versteckspiel und wenn wir endlich am Ziel sind, springt jemand hervor und schreit: "Haha! Verarscht!"
"So gehts mir auch", sagte Morgan und fügte schnell hinzu: "Aber so wird es schon nicht sein. Irgendwas steckt schon dahinter, da bin ich mir sicher."
Ich sagte darauf nichts mehr, sondern ging lieber einen Schritt schneller. Nur noch wenige Meter bis zum Schloss. Der steile Berg, der zum Schloss hinauf führte, machte Morgan zum Glück auch nichts aus. Er schien ganz gut in Form zu sein.
Ich war heilfroh als wir endlich die Tür hinter uns geschlossen hatten. Immer diese ständige Druck, einfach schrecklich!
Es gab auch noch Wesen, die ebenfalls Blut tranken, jedoch auch bei Sonnenlicht hinaus konnten. Wieso konnte ich nicht ein solches Wesen sein?
Ich schaute zu Morgan und sah, wie er sich an der Wand entlang tastete. Ich zündete daher ein paar Kerzen an, bevor er noch in Räume gelangte, in denen er nichts zu suchen hatte. Er bedankte sich und versuchte, sein Zimmer zu finden. Nachdem er die dritte Tür geöffnet hatte und noch immer nicht das richtige Zimmer gefunden hatte, sah er mich hilflos an.
Ich grinste und ging vor. "Du solltest das noch üben. Noch nicht einmal in die richtige Richtung, bist du gegangen."
"Ach ich wollte dich nur testen, ob du den Weg auch noch kennst", sagte Morgan grinsend und trabte mir hinterher.
Ich blieb vor seiner Zimmertür stehen und sagte: "Ich hol dich dann morgen Nacht um gewohnte Zeit hier in deinem Zimmer ab, okay?" Morgan nickte.
"Okay. Gute Nacht", sagte ich und ging.
Als ich in meiner Gruft angekommen war und endlich in meinem Sarg lag, schwirrten mir mal wieder viel zu viele Gedanken im Kopf herum. Was uns wohl kommende Nacht auf der Burg erwartet? Sicherlich werden die starke Wächter dort haben. Aber reinkommen werden wir auf jeden Fall, dafür sorgen wir schon. Aber vielleicht meinte Parlan auch doch das Dorf und nicht diese Burg... Nun ja, wir werden es schon sehen.
Irgendwann schlief ich dann ein...

Meine innere Uhr weckte mich mal wieder pünklich bei Nachteinbruch und ich schob gähnend den Deckel meines Sarges beiseite. Langsam ging ich die Treppe hinauf und steuerte auf Morgan's Zimmer zu. Schon draußen vor der Tür hörte man ihn schnarchen. Mein lieber Mann, der sägt ja einen ganzen Wald ab...
Ich klopfte ein paar mal an und betrat dann das Zimmer. Als ich vor seinem Bett stand machte er gähnend die Augen auf.
"Oh, da bist du ja schon", stellte er fest.
"Ja, komm schon, steh auf. Wir müssen los."
Er streckte sich genüsslich und stand dann auf.
Das Abenteuer kann beginnen...

.Lestat.

 



„Ich könnte mich auch mal wieder waschen“, merkte ich an, auf dem Weg zum Schlosstor. Lestat gab ein undefinierbares Geräusch von sich. Es klang auf jeden Fall nicht sehr begeistert.
Als wir hinaustraten, spürte ich, dass die Luft merklich kühler geworden war, obwohl es eigentlich genau das Gegenteil sein müsste. Zumindest wenn man von der Jahreszeit ausging. Ich holte meinen Umhang wieder aus meiner Tasche und legte ihn mir um.
Lestat nahm scheinbar keine Notiz von der Witterung, sondern ging gedankenverloren neben mir her.
Ich fragte mich, ob er sehr sauer über meinen taktlosen Kommentar der gestrigen Nacht gewesen war. Das ‚Es gibt noch viel, viel Schlimmeres, als ein Vampir zu sein’, klang eher so, als ob Lestat es nur gesagt hat, um sich selbst zu beruhigen.
Wir wechselten kein Wort miteinander und sobald der Waldsaum sichtbar wurde, bekam ich ein beunruhigendes Gefühl in der Magengegend. Morgan, du bist gerade drauf und dran mitten in der Nacht ohne nennenswerte Lichtquellen in ein Moor hineinzuspazieren. Mein Verstand hatte sich wieder eingeschaltet.
Gerade als wir den Wald betreten wollten, blieb ich demonstrativ stehen. Lestat war ein paar Schritte vorausgegangen und drehte sich dann zu mir um. „Was ist los? Tun dir etwa jetzt schon die Füße weh?
Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Mir ist nur gerade eben aufgefallen, dass dieses Unterfangen reiner Selbstmord ist.“ Und wie es das war…
Lestat kam wieder zurück und verdrehte genervt die Augen. „Das fällt dir aber früh auf. Ich hatte dich doch gestern tausendmal gefragt, ob du dir wirklich sicher bist…“
Ich zögerte. „Ja, da war ich mir aber noch nicht wirklich im Klaren darüber, wie vollkommen bescheuert die Idee ist, mitten in der Nacht ins Moor zu laufen.“
„Ach?“
„Sieh doch mal. Erstens: Weder du noch ich kennen einen Weg durch diesen Sumpf. Das hattest du selber gesagt. Und zweitens: Im Gegensatz zu dir erkenne ich in dem Wald nichts. Da nützt mir mein gutes Gehör auch nicht viel, wenn ich aus Versehen auf einem engen Pfad daneben trete. Und du weißt, was ein Fehltritt in einem Moorgebiet bedeuten kann…“
Lestat schien das Ganze nicht allzu ernst zu nehmen. „Dann zieh ich dich halt raus.“
Als wenn ich mich darauf verlassen würde…
Ich zuckte mit den Schultern und machte keine Anstalten weiterzugehen.
Lestats Miene wurde sichtbar genervter. „Und jetzt?“
Ich überlegte. Muss der denn unbedingt ein Vampir sein? Bei Tageslicht hätte ich bei Weitem kein Problem damit das Sumpfgebiet in Angriff zu nehmen. Bei Nacht grenzte der Versuch an Idiotie.
„Dann… Hol dir doch eine Sturmlaterne“, sagte Lestat schließlich und sah mich erwartungsvoll aus seinen roten Augen an.
Das wäre natürlich eine Idee, aber… „Nehmen wir mal an, dass auf dieser Burg… Oder was weiß ich, was da nun ist. Also, nehmen wir an, dass dort tatsächlich Banditen krumme Dinger am Laufen haben. Wachen würden sie dort in jedem Fall besitzen. Was würden die davon halten, wenn wir da mitten in der Nacht anspazierten?“ Falls wir es überhaupt so weit schafften. Sümpfe waren tückisch, wenn man keinen sicheren Weg durch sie hindurch kannte. Es wunderte mich nicht, dass viele Menschen, die sich auf den Weg durch dieses Moor begeben hatte, nicht zurückgekehrt waren. Beim Gedanken an Moorleichen durchfuhr mich ein kalter Schauer. Sie sahen einerseits so lebendig aus, auch wenn sie bereits seit mehreren Jahren tot waren, nur die Haut war auf eine widerwärtige Weise verrutscht. Es gab wirklich schönere Anblicke.
Lestat überlegte. „Stimmt auch wieder.“ Er seufzte. „Menschen sind wirklich zu nichts zu gebrauchen.“
„Danke“, sagte ich missmutig. „Immerhin kann ich nachts überhaupt durch die Gegend laufen im Gegensatz zum werten Vampir hier bei Tage.“ Ich war in dieser Nacht wahrlich nicht gut aufgelegt.
Lestat erwiderte nichts, seine Augen blitzten mich allerdings gefährlich an.
„Eins steht fest: Keine zehn Pferde bringen mich in dieses Moor… Ich bin doch nicht total blöd. Ich geh dann mal wieder -“ Ich drehte mich um; da packte Lestat mich grob am Arm.
„Du bleibst hier!“, sagte er schroff und sah mich vernichtend an. „Du sagst mir jetzt, was wir denn deiner Meinung nach stattdessen machen sollten!“
„Wenn du meinen Arm loslässt…“
„Entschuldige.“
„Ich weiß auch nicht“, sagte ich seufzend. „Wie gesagt… Bei Tage hätte ich nicht das geringste Problem mit diesem Moor.“
Ausgezeichnet“, sagte Lestat mit bissigem Tonfall. „Das bringt uns aber kein Stück weiter.“
„Ja, was soll ich denn machen? Wenn ich in diesem dämlichen Moor verrecke, haben wir da auch nichts von.“ Na ja, stimmt nicht ganz: Ich hätte den Tod und Lestat seine Ruhe. „Und wie hast du dir das überhaupt mit den Banditen vorgestellt? Vielleicht gibt es die ja auch gar nicht… Vielleicht ist da auch gar nichts. Wahrscheinlich ist diese Burg nur ein Hirngespinst von erzählfreudigen Besoffenen und der Brief auch und der Typ an der Taverne sowieso… Wenn Parlan und der keine Halluzinationen waren, dann –“
Lestats Blick fragte mich: Hast du was geraucht? Dann sagte er: „Ja, wahrscheinlich. Womöglich ist das hier nur alles eine Erdichtung deines Hirns, ein Traum. Soll ich dich mal kneifen?“
Ich wich einen Schritt zurück. „Nein, danke.“ Ich warf einen gedankenverlorenen Blick auf das Waldgebiet. Schließlich murmelte ich: „Wir könnens ja mal versuchen…“
So viel zu meinen Vorsätzen…
Lestat sah überrascht auf. „Tatsächlich? Bist du sicher?“ Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, dass ich mich umentscheiden könnte.
„Ja“, sagte ich missmutig. „Aber wenn ich sterbe, bist du Schuld.“
„Alles klar. Kann ich mit leben.“
„Und wenn ich nicht weitergehen will, laufen wir sofort zurück!“
„Ja, ja…“
„Und wenn –“
„Können wir jetzt?“
Ich warf Lestat einen bösen Blick zu. „Meinetwegen.“
Lestat ging mit leichten Schritten schon ein Stück vor und rief über die Schulter: „Wir können ja nur mal schauen, was uns da erwartet.“
„Ich kann zwar eh nichts sehen“, murmelte ich, „aber wen interessiert das schon? Auf geht’s.“

.Morgan.